Samstag, 23. Januar 2010

Damals. Und heute.

Einer meiner ersten bleibenden Eindrücke der Stadt war, damals vor 16 Jahren, dieses Viertel.
Es war an einem dunklen Novemberabend. Ich hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis mein Zug ins noch heimatliche W. fuhr und M. meinte, fahr zur Sternschanze...
Den türkischen Imbiss im Bahnhof, der für mich immer mit diesem Moment des Ankommens verbunden war - wohl auch, weil ich ihn später nie mehr betrat - gibt es nicht mehr. Stattdessen kann man heute unter Polizeischutz Burger essen.
Und jene Straßen, die mich damals in ihrer fremden Dunkelheit so beeindruckt hatten, weil sie ein Leben versprachen, abseits von Mainstream und Enge, sind mir mittlerweile an den Leib gewachsen und doch bisweilen fremder denn je.
Was damals der Gemüsetürke war, ist heute der Klamottenladen. Aus den meisten alternativen Kneipen sind Szenebars geworden. Die Friseurdichte ist erstaunlich.
Seit neustem kommen auch Brillenläden hinzu, die dunkle Gläser für ab zweihundert Euro feilbieten. Im Kassengestelllook der Siebziger.
Erste Ketten siedeln sich an.
Verschwunden sind der orginale Metzgerladen, das schöne Antiquariat, der kleine Milchladen, die familiengeführte, etwas altertümliche Drogerie, und etliche türkische Lebensmittelläden. Und mit ihnen das alltägliche Leben.
Dafür gibt es soviele Kioske wie in wohl keinem anderen Stadtteil.
Und ab ca. 12h mittags ist ein zielstebiges Vorankommen auf den Straßen kaum mehr möglich. Vor allem bei gutem Wetter.
Seit über zehn Jahren arbeite ich in diesem Backsteinbau, der als Sinnbild der Medienlandschaft, die sich hier etabliert hat, dient. Damit bin ich vordergründig eine der Bösen.
Damals, vor 16 Jahren, lebte ich einige Monate in einem winzigen Zimmer direkt an der Bahn.
Aus meinem Fenster sah ich auf eine brache Fläche, auf der heute DER Schanzenbeachclub gastiert.
Mir war die Brachfläche lieber. Auch wenn ich zu den "Bösen" gehöre.
Ebenso, wie mir die alte Schanze lieber war.

Sehenswert:

NDR-Reportage: Aufstand im Kiez - Der Kampf ums Schanzenviertel from urbanshit on Vimeo.

Kommentare:

  1. Alles kommt und geht. Es ist nur ein schwacher Trost, dass auch die totsanierten Viertel irgendwann verfallen und wiederbelebt werden.

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  2. der text hat mich berührt

    danke
    townie

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  3. @MQ: Ja, ein schwacher Trost! Wobei es im Falle der Schanze ja nicht nur die Sanierung/Gentrifizierung (Dolles Wort! Den Kindern immer schön Namen geben...) ist, unter der das Viertel/die langjährigen Bewohner leidet/n, sondern auch dieser Jahrmarktsmässige Ausverkauf. Wenn es so weitergeht, dann gibt es dort bald eine sehr bizarre Mischung aus Mönkebergstraße und Kiez auf engstem Raum. Man muss bedenken: Das Viertel ist verdammt klein - gerade mal einen halben Quadratkilometer groß - und wahrscheinlich ist es auch deshalb so extrem, nichts kann sich verteilen und verlaufen... Na ja, eben diese Vorliebe für Überfülltes habe ich noch nie verstanden. Aber der gemeine Mensch scheint es zu lieben.

    @Townie: Es erstaunt mich zwar, aber nun: Zu berühren freut ja irgendwie immer... Dafür nicht, also, wie der Hamburger sagt ;)

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  4. Toll! Als Böse verdienen Sie wohl viel Geld? Dazu ledig, kinderlos, nicht Heroinabhängig... möchten Sie meine Patentante werden? Ich bastel Ihnen zu Weihnachten auch immer was mit dem Kadmos-Genetik-Baukasten - zum Beispiel ein Flamingoäffchen oder ein subreales Jesuskind mit vier Geschlechtsausprägungen...

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  5. Herzchen, ich weiß ja nicht, wo Sie Ihre Vorurteile kaufen, aber sie weisen Mängel auf:
    1. Bin ich vom gut verdienen weit entfernt. (Dafür umso kreditwürdiger, was heutzutage wahrscheinlich in gewisser Weise fast schon mit "gut verdienen" gleichzusetzen ist.)
    2. Dieser Status mag ein Vorteil sein, zugegeben, aber...
    3. Woher wollen Sie das wissen?
    Lesen Sie 'mal das
    http://www.amazon.de/Lass-mich-die-Nacht-überleben/dp/3442153336
    zu diesem Thema... (ernsthaft empfehlenswert!)

    Obwohl? Auf das Flamingoäffchen wäre ich schon scharf...

    (Geschlecht hingegen ist mir ein subversiver Fremdort...)

    Nacht!

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