Donnerstag, 19. November 2009

Lesen Sie heute: Mein Leben als Muse. Ein Tatsachenbericht.

Muse

Einst war Frau H. gut anderthalb Jahre jünger.
Und ungefähr zu dieser Zeit trug es sich zu.
Vorfrühjahr 2008 wohl, also. Demnach. Oder umgekehrt.
Und wie das eben so ist, mit den Vorfrühjahren: Sie bringen einen auf die absurdesten Gedanken!

Wir zeichenen (!) im Geiste einen Mittwoch- oder Donnerstagabend.
Verregnet und grau.
Frau H. kämpfte sich durch das Unbill des Wetters; müde, gestresst und auf der Suche nach ganz ganz viel Alkohol.
Den man ihr dann auch bereitwillig gab. Dort.
Und zwei oder drei Biereinheiten später fängt die Geschichte an:

Nicht nur von der Begleitgruppe mittlerweile schön angewärmt flätzt Frau H. im angeranzten Pornosofa zufrieden seufzend vor sich hin, als Häuptling gemeine Zeichenkohle den Raum betritt.
Auf den Lippen diese Frage, ob jemand wolle...
Alles verneint, so wie immer eben, in solchen und ähnlichen Fällen, auch Frau H., zurerst.
Doch dann, ja dann, überlegt sie es sich urplötzlich anders und krakelt: Doch, HALT: ICH! Ha!
Dieser kleine Anflug von Persönlichkeitsentrückung mag dem Alkohol entsprungen sein, oder vielleicht auch dem nach und nach abfallenden Stress. Man weiß es nicht. Und wird es nie erfahren.

Fakt ist, dass Frau H. noch kurz dem Sevicemann winkt (diese Geste reicht vollkommen, um bereits kurze Zeit später das zu erhalten, wonach einem verlangt: Glauben Sie diesen Eppendorfer Onlinebewertern kein Wort!) und sich dann zusammen mit dem Künstler auf die Nachbarcouch verzieht. Er links, sie rechts. Jeweils in den Ecken (und die Pornosofas sind groß!), damit die Sicht auch ja objektv bleibt (und vielleicht mit Chance ein wenig durch Kurzsichtigkeit geschönt wird..).

Irgendetwas ist an diesem Abend mit Frau H. nicht ganz richtig. Nicht nur, dass sie sich überhaupt auf dieses schwachsinnige Unterfangen eingelassen hat, nein, sie beginnt auch noch, sich in dieser Rolle zu gefallen und malt sich im Geiste bereits ganz begeistert ihre Zukunft als Muse der bildenden Zunft aus.
Hach ja, wie geschaffen ist sie dafür!
Nur treffen muss er sie, so rein bildnerisch! Und natürlich nicht schlecht.
Also eigentlich: Besser! Viel viel besser!
Und das sagt sie ihm auch.
So kann sie nämlich manchmal leider sein, die Frau H.. (Also an so Ausnahmeabenden....)

Der Künstler hat die Situation rasch begriffen. Nicht zuletzt, weil Frau H. recht deutlich war, zumindest in der einen Forderung.
Und er scheint eine Muse zu suchen. So bedringt, dass ihn Frau H.'s Wille nach einem GUTEN Abbild - Nicht die Nase so groß! Bloß nicht die Nase so groß! - in eine gewisse Nerosität versetzt.
Blatt um Blatt wird angeritzt, ausgerissen, zerknüllt.
Und Frau H. vermehrt abgemahnt: Stillhalten!
Also bemüht sie sich. Und hält still. Zumindest soweit dies mit ihrem Getränkekonsum vereinbar ist.
Und malt sich, kurzsichtig wie sie nun einmal ist, ihre süße Zukunft als Inspirations- und Initiationsquelle immer bunter aus.

Als das "Göttinenabbild" dann nach gefühlten zwei Stunden endlich jenen Zustand erreicht hat, von dem der Erschaffer meint, es hätte nun etwas treffendes, ist Frau H. bereits so entrückt, dass sie nicht einmal mehr die Empörung wahrnimmt, die sie nun, ob des garstigen Sketches, der die Basis ihrer Musenzukunft postgraphisch sofort zerschmettert, eigentlich empfinden müsste. Und so willigt sie leicht vernebelt ein: Eck! Die mittlerweile mehr als amüsierte Begleitgruppe ist zwar "astonished", wie der Engländer sagt, und fragt nach, ob Frau H. denn noch...aber das ist ja auch egal, irgendwann.
Sie werden das vielleicht kennen.
Und so zahlt sie dem Künstler als Lohn sein Getränk und wankt auf musen- und bierschwangeren Füssen mit ihm zusammen in den Regen...

Dieser nun allerdings wirkt etwas ernüchternd auf unsere Dora Maar der Neuzeit.
Und als Picasso sie dann auch noch recht plump in einen abseits des Weges liegenden Hauseingang verschleppt und ihr die zunehmend entschwindende Wolllust mit ungeschickten Speichelspielchen zu entlocken versucht, wird dies zum Todesstoß all dieser schönen Phantasien, gegen den selbst ein weiteres Bier und gute Worte machtlos sind...

Ich hätte Ihnen gerne ein schöneres Ende beschert!

Aber so ist es, das Leben: Hart, gemein und realistisch. (Womit wir wieder am Anfang - siehe Zeitdokument - wären.)



(An dieser Stelle geht mein herzlicher Dank für Erinnerung und Inspiration an den Blog- und Stadtkollegen Herrn Bosch, dessen Beitrag dieser kleine Gedankenspaziergang gefolgt ist!)

Kommentare:

  1. Habe auch noch einmal darüber nachgedacht. Bin mittlerweile der Meinung, dass man Kneipenmalerei verbieten sollte.

    Aber immerhin hat uns diese leidige Sache zwei schöne Blogbeiträge beschert.

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  2. Ach, vielleicht lassen wir einfach 'mal ein paar Vergleichszeichnungen in Bonn anfertigen...dann muss man es zumindest nicht persönlich nehmen ;)...
    Ich fand die Erinnerung ja doch irgendwie sehr amüsant, als ich das Bild bei Ihnen sah! Und eines muss man dem "Künstler" in diesem Zuge lassen: Die Handschrift hat Wiedererkennungswert... Von daher?

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  3. Was sollte denn sonst bei einer Session auf einem Pornosofa herauskommen?

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  4. Wann kommt die Mangaserie raus? Und wie wird sie heißen? "Die Frau H.imon Adventures"? Oder "Frau Hayashibaras Sumo-Life"? Oder ganz schlicht "Princess H. and the Androidmonsterrevolution"? Und Gimmicks?

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  5. @Sir MQ: Nu ja: Venus von Milo in Bildform, oder so... Ich weiss auch ja auch nicht? Aber dieses dickhalsige (halslose?), mundwinkelhochzerrende Monster war auf alle Fälle nicht das, was ich sehen wollte....

    (Notiz an Selbst: In Zukunft nur noch finster kucken, beim portraitiert werden. Und Kinn stärker anheben!)

    @Bildungsbürger Sub: Manga? Diese komischen japsanischen Comix?? Dafür müsste der Hals auch zierlicher sein...

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  6. Für die Venus von Milo hätten Sie mehr Hüllen fallen lassen müssen. Und wenn ich früher gewusst hätte, dass man die Frauen mit Mahlen nach Zahlen beeindrucken kann, hätte ich mir längst ein Eierbrikett gekauft und hinters Ohr geklemmt. Hätte, hätte, hätte.

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  7. Die Frauen? Ich weiss nicht, ob man das so pauschal sehen kann... Und es hat ja auch nur sehr bedingt funktioniert. Außerdem: Es ist doch noch nicht zu spät Sir MQ! Also los: Blöckchen geschnappt, ab in den Keller und dann auf auf ins Nachtleben!

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  8. Blödsinn! Es ist nie spät genug...

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